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Ein Hobby von mir ist es, mir Leute anzugucken. Ich versuche mir vorzustellen, wer diese Leute sind, die mir auf der Straße oder beim Warten begegnen. Was machen sie beruflich? Wo kommen sie her? Zu welcher sozialen Schicht gehören sie? Manchmal merke ich, dass ich ihnen nur bestimmet Dinge zutrauen, nach dem Motto: „Dieser Mann sieht ziemlich steif aus, muss ein Banker sein.“ Wir wollen heute eine Predigtserie anfangen über Nehemia. Was für eine Person war er? Wenn wir das Buch zu lesen anfangen, gibt es dort erst einmal nicht sonderlich viele Informationen über ihn. Von seinem Vater wird der Name erwähnt, aber eine Auflistung des Stammbaumes fehlt. Was hat er getan? Es ist davon auszugehen, dass Nehemia niemand Besonderes war. Er kam aus Jerusalem, hatte aber keine berühmte Vorfahren. Man muss davon ausgehen, dass er auch nicht dem priesterlichen Geschlecht angehörte. Dies war nämlich nur ein ganz bestimmtes Geschlecht in Jerusalem. Nehemia war am Hof des persischen Königs als Mundschenk beschäftigt. Das Volk Jerusalems war von den Babyloniern in die Gefangenschaft verschleppt worden und lebte nicht mehr im eigenen Land – zu diesem Zeitpunkt jedenfalls die meisten nicht, denn die ersten waren bereits wieder zurückgekehrt. Dieses Amt des Mundschenks ist durchaus bedeutend gewesen. Er hatte Verantwortung und er hatte dadurch am persischen Hof auch eine ganz bestimmte Stellung eingenommen. Wenn man Nehemia so betrachtet, hat er diese Stellung als Fremder nicht bekommen, weil er bekannt war, eine bekannte Familie hatte, oder weil er Vitamin B besaß, sondern er muss sich diesen Posten durch persönliche Qualifikation erworben haben. Er muss zuverlässig gewesen sein, zum Hof gestanden haben, und man muss sich auf ihn verlassen haben können. Wahrscheinlich hat er auch dann Loyalität zum König gezeigt, wenn er anderer Meinung war. Ich würde euch gern den Anfang der Geschichte um Nehemia vorlesen, also Kapitel 1 und den Anfang des Kapitels 2. Viele von euch kennen die Geschichte. Ist es das, was ich so einem Mann zugetraut hätte? Dies ist der
Bericht Nehemias, des Sohns Hachaljas: Als ich das hörte, setzte ich mich hin und weinte. Ich trauerte tagelang, fastete und betete. „Ach Herr, Du Gott des Himmels, du mächtiger und Ehrfurcht gebietender Gott, Du hältst Deinen Bund mit uns und erweist Gnade denen, die Dich lieben und nach Deinen Geboten leben. Verschließe Deine Augen und Ohren nicht, wenn ich zu Dir flehe. Tag und Nacht bete ich zu Dir für das Leben der Israeliten. Du bist unser Herr. Ich bekenne Dir, dass wir gegen Dich gesündigt haben, auch ich und meine Verwandten. Wir alle haben schwere Schuld auf uns geladen. Wir hielten uns nicht an die Gebote und Weisungen, die Du uns durch Deinen Diener Moses gegeben hast. Aber denke doch daran, was Du Moses gesagt hast: ‚Wenn ihr mich verlasst, werde ich euch unter die fremden Völker zerstreuen. Wenn ihr aber wieder zu mir umkehrt und meine Gebote befolgt, dann lasse ich euch in euer Land zurückkehren, auch wenn ich euch bis ans Ende der Erde vertrieben habe. Ich bringe euch an den Ort, wo ich für immer wohnen will.’ Ach Herr. Sie gehören ja trotzdem alle zu Dir. Sie sind Dein Volk, das Du durch Deine Macht und Stärke befreit hast. Bitte, höre doch mein Gebet und das Gebet aller, die Dir dienen und Dich ehren wollen. Wenn ich beim König vorspreche, dann hilf mir, dass ich ein offenes Ohr bei ihm finde.“ Denn ich war der Mundschenk des Königs. Was Nehemia hier bekommt, ist ein klarer Auftrag von Gott, etwas Besonderes zu vollbringen. Aber eigentlich ist Nehemia gar keine besondere Person. Ich werde die Geschichte einmal Stück für Stück durchgehen und klarzumachen versuchen, was Nehemia dann doch besonders macht, dass er diesen Auftrag bekommt und letztendlich dann auch an ein gutes Ende führt. Nehemia ist am Königshof. Er dient dem König. Und er bekommt Besuch von seinem Bruder und anderen aus Judäa, also von Leuten, die schon aus der Verbannung zurückkehren durften nach Jerusalem. Unklar ist, ob die schon gekommen sind, um Nehemia diesen Auftrag zu geben oder um zu gucken, nach dem Motto: „Nehemia, wenn uns einer helfen kann, diese Stadtmauern wieder aufzubauen und Jerusalem wieder aus Schutt und Asche zu befreien, dann bist Du das. Kannst Du nicht was tun?“ Oder ob Nehemia einfach diesen Bericht hört und sein Herz bewegt ist und denkt: „Da muss etwas getan werden.“ An diesem Punkt habe ich mir die Frage gestellt: „Wenn ich etwas sehe, was angepackt werden muss – sei es eine Aufgabe, sei es ein persönliches Problem in meinem Leben – lasse ich mein Herz wirklich von Gott berühren?“ Nehemia hört es und als er es hört, setzt er sich hin und weint. Er trauert tagelang, fastet und betet. Er sieht eine Aufgabe und er lässt sich diese Aufgabe etwas kosten. Es ist nicht so, dass er etwas hört und denkt, dass könnte man doch toll machen, ohne persönlichen Einsatz zu kosten. Er sieht, dass es Einsatz kostet. Und er ist bereit, tagelang zu beten, zu fasten und sich hinzusetzen und zu gucken: „Was kann ich tun.“ Da taucht die Frage auf: „Wenn ich in meinem Leben ein persönliches Problem entdecke, bin ich dann bereit, die Kosten auf mich zu nehmen?“ Vielleicht kennt ihr auch solche Leute, die dir ihre Probleme schildern. Doch wenn du dann versuchst, mit ihnen Pläne zu entwickeln, was sie tun könnten, um ihre Probleme loszuwerden, kommt eine lange Erklärung, warum bei ihnen das Problem so unter Garantie nicht zu lösen ist. „Das geht bestimmt bei anderen. Aber meine Umstände sind unter Garantie anders.“ Da denke ich oft: „Sind sie nicht. Da fehlt einfach die Bereitschaft, es sich etwas kosten zu lassen, das Problem zu lösen.“ Wenn ich eine Aufgabe sehe und denke, ich habe von Gott eine Berufung, muss ich mich fragen: „Was bin ich bereit, es mich kosten zu lassen? Was setze ich dafür ein?“ Und dann folgt ein Gebet. Nehemia bittet Gott um Hilfe. Er weiß ganz genau, dass es an diesem Punkt ein Problem gibt. Die wollen, dass ich helfe, die Stadtmauern Jerusalems wieder aufzubauen. Vielleicht ist es auch mein Wunsch, mein Traum, es zu tun. Aber ich weiß, ohne Hilfe kann ich das auf gar keinen Fall tun. Und so bittet er Gott: „Ach Herr, Du Gott des Himmels, mächtiger und Ehrfurcht gebietender Gott. Du hältst Deinen Bund und erweist Gnade denen, die Dich lieben und nach Deinen Geboten leben. Verschließe Deine Augen und Ohren nicht, wenn ich zu Dir flehe. Tag und Nacht bete ich zu Dir für das Leben der Israeliten. Du bist unser Herr. Ich bekenne Dir, dass wir gegen Dich gesündigt haben, auch ich und meine Verwandten. Wir alle haben schwere Schuld auf uns geladen. Wir hielten uns nicht an Deine Gebote und Weisungen, die Du uns durch Deinen Diener Moses gegeben hast.“ Nehemia fängt an, Schuld zu bekennen. Ich nehme an, dass er bereits in der Verbannung geboren wurde, also nicht der Schuldige ist, wegen dem sie in die Verbannung geraten sind. Trotzdem weiß er, dass er Schuld zu bekennen hat. Da ist persönliche Schuld, Schuld seiner Familie, und, wie es damals vielleicht noch sehr viel üblicher war als heute, beginnt er einzustehen für die Schuld des Volkes. Er sieht nicht nur seine persönliche Schuld, sondern beginnt, global zu denken. Er beginnt, die Schuld des Ganzen zu sehen. Und er tritt vor Gott und benutzt damit nicht nur den Ausdruck seiner eigenen Emotionalität, sondern er benutzt die Form eines Klageliedes, das in Jerusalem existierte. Damit wird auch deutlich, dass er Gott nicht nur ganz persönlich um etwas bittet, weil er denkt, dass es für ihn wichtig ist, sondern sieht, da passiert etwas für das ganze Volk. Er nimmt sich zurück und erkennt mit diesem Schuldbekenntnis an: „Wir haben es nicht verdient. Das, um was ich Gott bitte, ist reine Gnade.“ Ich bitte ihn nicht, weil ich glaube, ich hätte ein Anrecht darauf, das bitten zu können oder wir als Israeliten hätten ein Anrecht darauf, die Stadtmauern wieder erstehen zu lassen. Wir kennen dieses Gefühl ja: „Ich als Christ habe ein Anrecht darauf, dass es mir gut geht. Ich habe ein Anrecht darauf, dass ich gesund bin, ein Anrecht darauf, einen guten Job und eine gute Wohnung zu haben.“ Nehemia bittet nicht, weil er sich im Recht sieht, sonder weil er auf Gnade hofft. Dann folgt auch logisch der nächste Schritt, dass er Gott an seine Verheißungen erinnert: „Du hast aber verheißen, dass Du uns, wenn wir uns dumm verhalten, in die Verbannung schickst. Das hast Du getan. Aber Du hast auch verheißen, wenn wir zu Dir zurückkehrten, würden wir auch wieder zurück können.“ Aber selbst dieses Erinnern an die Verheißung geschieht nicht nach dem Motto: „Jetzt musst Du aber mal…“, sondern die Schuld, die wir auf uns geladen haben, ist so schwerwiegend, dass wir den Tod verdient hätten und nicht die Zusage Deiner Verheißungen. Dann kommt der letzte Teil: „Bitte höre doch mein Gebet und das Gebet aller, die Dir dienen und Dich ehren. Wenn ich beim König vorspreche, dann hilf mir, dass ich ein offenes Ohr bei ihm finde.“ Denn ich war der Mundschenk des Königs. Dieser Satz „Wenn ich beim König vorspreche“, zeigt, dass er sich schon überlegt hat, was er machen will und wie er dieses Problem angehen will. Es findet eine Vorbereitung statt. Er betet und fastet nicht nur, sondern in diesem Zeitraum überlegt er sich auch ganz genau, wie er dieses Problem bewältigt bekommt. „Was muss ich dazu tun? Was brauche ich, um die Stadtmauern wieder aufzubauen? Was brauche ich, um dahin zu kommen?“ Er macht sich einen Plan und stimmt diesen Plan mit Gott ab. „Vier Monate waren seither vergangen. Eines Tages, als ich König Artaxerxes beim Essen Wein einschenkte und ihm den Becher reichte, fiel ihm auf, dass ich traurig aussah. Das war der König bei mir nicht gewohnt. Darum fragte er mich: ‚Warum siehst Du so bedrückt aus? Du bist doch nicht etwa krank? Irgendetwas belastet Dich!’ Ich erschrak heftig und antwortete: ‚Lang lebe der König! Wie könnte ich fröhlich sein, wenn die Stadt, wo meine Vorfahren begraben sind, zerstört ist und ihre Tore in Schutt und Asche liegen.’ Da fragte mich der König: ‚Worum bittest Du?’ Ich flehte zum Gott des Himmels, dann sagte ich: ‚Mein König, wenn Du es für richtig hältst, und wenn Du mir vertraust, dann sende mich nach Judäa in die Stadt, wo meine Vorfahren begraben liegen. Ich möchte sie wiederaufbauen.’ Der König, neben dem die Königin saß, fragte mich: ‚Wie lange soll deine Reise dauern? Wann bist du wieder zurück?’ Als ich ihm den Zeitpunkt nannte, stimmte er zu. Dann bat ich ihn: „Mein König, wenn Du möchtest, so gib mir bitte Briefe an die Provinzstatthalter westlich des Euphrats mit, damit sie mir die Durchreise nach Judäa gestatten. Außerdem bitte ich um ein Schreiben an Asaf, den Verwalter der königlichen Wälder, denn ich brauche Holz für die Torbalken der Burg am Tempel, für die Stadtmauer und für das Haus, in dem ich wohnen werde.’ Der König gab mir Briefe, denn Gott stand mir bei. Dann befahl Artaxerxes, dass eine Leibgarde von Offizieren und Soldaten mich begleiten sollte. So kam ich zu den Provinzstatthaltern westlich des Euphrats und übergab ihnen die Briefe des Königs. Sanballat aus Beth-Horon und Tobija, sein Bevollmächtigter aus der Provinz Ammon wurden zornig, als sie hörten, dass jemand den Israeliten helfen wollte.“ Nehemia hat also einen Plan entworfen, was er tun und was er den König fragen will. Aber er fängt nicht an, überstürzt zu handeln. Die Rede ist hier von drei oder vier Monaten, die ins Land gehen, ohne dass etwas passiert. Er rennt nicht vor den König, um ihm zu sagen, was er gerne von ihm hätte, sondern hat die Geduld abzuwarten. Hier ist an einer Stelle erwähnt, dass neben dem König die Königin saß, also eine seiner Haremsfrauen, wohl nicht seine Hauptfrau. Aber man kann davon ausgehen, dass dieser König sich durchaus durch Frauen beeinflussen ließ. Also war der Zeitpunkt vielleicht auch relativ geschickt gewählt, weil diese Frau neben ihm saß und er so an diesem Punkt etwas großzügiger war, als er vielleicht sonst gewesen wäre. Zum anderen kommt hinzu, dass er nicht besonders gut aussah an jenem Tag. Dem König fällt auf, dass Nehemia anders aussah als sonst. Damit war ein gewisses Risiko verbunden, denn vor den Herrscher zu treten, der auch ein wenig eigenwillig sein konnte und als Mundschenk nicht lustig und gut auszusehen, kann auch bedeuten, dass die Speisen nicht so gut waren. Das konnte einem den Kopf kosten. Also war es ein wenig gefährlich, nicht froh auszusehen. Man hatte guter Laune zu sein, wenn man vor den König tritt. Obwohl alles vorbereitet ist, er sich einen günstigen Augenblick aussucht und nichts überstürzt, ist in dem Moment, wo ihn der König anspricht, besteht ein hohes Maß an Risikobereitschaft. Das wird deutlich, als ihn der König anspricht und Nehemia antwortet: „Lang lebe der König“ und noch einmal ganz schnell zum Gott des Himmels fleht. Es ist trotz allem ein Sprung ins kalte Wasser. Auch wenn man bedenkt, dass Gott hier nicht situationsunabhängig handelt. Die Israeliten sind von den Babyloniern verschleppt worden und die haben wirklich jeden Kult zerstört, die Tempelgeräte aus dem Tempel genommen und alles weggebracht. Sie haben damit auch ihre religiösen Möglichkeiten zerstört. Und jetzt ist das babylonische Reich untergegangen, überrannt worden vom persischen Reich. Der Perserkönig war schon eher dazu geneigt, den einzelnen Völkern ihre Kulte zu erlauben und hier eine gewisse Eigenständigkeit zuzubilligen, um sein Volk zu befrieden. Die Politik hatte sich geändert im Vergleich zu dem, was vorher im babylonischen Reich praktiziert wurde. Einige Ausleger sagen, dass dieser persische König für die Israeliten in dem Punkt der Messias war. Gott nutzt bestehenden Verhältnisse, bestimmte politische Systeme, um zu handeln. Gott tut ein Wunder, aber es steht nicht über dem, was im menschlichen Rahmen denkbar ist. Er nutzt das, was da ist. Und dann kommt Nehemia zugute, dass er sich vorher genau überlegt hat, was er wollte. Als der König ihn fragte, wie lange er ungefähr brauche, gewährt er ihm sozusagen Sonderurlaub für diese Aufgabe. Trotzdem belässt es Nehemia nicht dabei, sondern zählt klar auf, was er alles für diese Aufgabe braucht. Der König ist guter Laune - vielleicht, weil die Königin neben ihm saß - und er erlaubt ihm das. Gott hat Nehemia benutzt, obwohl er nicht eine besondere Persönlichkeit war. Manche Ausleger sind der Meinung, dass er eventuell auch Eunuch war, was im Judentum bedeutet hätte, dass er nicht mal in den Tempel hätte gehen dürfen. Aber trotzdem sieht Gott sein Herz, und das, was er die ganze Zeit schon für ihn gemacht hat. Er sieht nicht nur auf die Person und sucht sich etwas Besonderes, sondern Gott sieht hingegebenes Herz, den Lebenswandel, den er bislang gehabt hat. Er hat bislang treu diesem König gedient. Das qualifiziert ihn für diese Aufgabe. Es kommt also nicht auf äußere Voraussetzung an, sondern auf das, was wir leben. Meine Abschlussfragen sollen sein: Wer bin ich? Was traut Gott mir zu? Und letztlich: Was traue ich mir zu, was Gott mit meinem Leben vorhat? Wo kann ich ernsthaft von Nehemia lernen, da durchzugehen? Erlaube ich Gott, mein Herz zu berühren? Kann ich Gott um Hilfe bitten? Kann ich meine Schuld erkennen? Gottes Versprechen für mich? Meinen Plan mit Gott abstimmen? Risikobereit sein? Und dann auch zu wissen: Gott wird sich dazu stellen. Wer bin ich? Was traut Gott mir zu? Amen. |